Der Virus des Reisefiebers

22März2018

Heute kamen zwei Leute von außerhalb in die Schule und haben einen Workshop in Naturwissenschaften gehalten. Das haben sie echt gut gemacht - die Kinder waren wahnsinnig aufmerksam, haben brav gefolgt und hatten Spaß am Lernen. So stelle ich mir das vor! smile Ich muss leider sagen, dass das die beste Stunde war, die ich hier beobachtet habe. Ich stimme mit den Unterrichtsmethoden hierzulande nicht sehr überein.

  • Entweder sind die Lehrer viel zu lieb und setzen sich nicht durch oder sie vergessen in ihrer Strenge, mit Leidenschaft und Liebe zu unterrichten und Freude am Lernen zu bewirken.
  • Den Schülern wird immer so viel vorgegeben, dass sie kaum Gelegenheit bekommen, ihre eigene Persönlichkeit im Lernen auszudrücken: Aufgaben sind weniger offen, sondern führen bei jedem Kind meist zur gleichen Antwort ohne viel Spielraum.
  • Außerdem habe ich habe das Gefühl, die Lehrer sind so sehr dahinter, aussagekräftige Aufzeichnungen für die Schulinspektoren zu sammeln, dass sie die Bedürfnisse der Kinder hintenanstellen. Oft sind die Lehrer ziemlich beschäftigt damit, Fotos zu knipsen und das Klassenzimmer mit Lernplakaten und Postern zuzukleistern, damit es ja nach einem effektiven Unterricht aussieht. Für mich wirkt das oft wie Fake und So-tun-als-ob. Ich habe zumindest hinter die Kulissen schauen können und weiß, dass der Schein trügen kann.

Jedenfalls haben wir Praktikanten uns in der Mittagspause mit einem der Workshopleiter namens Thomas unterhalten. Er hat mitbekommen, dass Jasmin Ende der Woche nach Hause fahren wird.

"Wart ihr schon in Crewe Hall?"

"Ne..."

"Ich könnte sie euch nach der Schule zeigen, wenn ihr Lust habt! Man sollte dort gewesen sein, bevor man Crewe verlässt!"

Und so saßen wir nach der Schule in Thomas' Auto. Eine ziemlich komische Situation, hatten wir ihn doch gerade erst kennengelernt.

Thomas ist ein älterer Herr schon im Rentenalter, der früher einmal sein Büro in Crewe Hall hatte; deshalb kannte er sich dort so gut aus und konnte uns eine exzellente Führung geben, ganz für uns allein.

Wir hatten zuvor noch nie von Crewe Hall gehört. Laut Thomas wissen die Wenigsten davon. Das finde ich ziemlich komisch! Schließlich könnte man es als die beste Sehenswürdigkeit und der schönste Ort in Crewe bezeichnen!

 

Thomas sprudelte über vor Wissen. Er war wie ein offenes Buch und überhäufte uns mit Informationen! Zuerst erzählte er uns etwas über die Geschichte der Stadt Crewe:

 

Crewe

Früher einmal war Crewe miniklein. Nur etwa 70 Leute haben hier gewohnt. Aber innerhalb von 5 Jahren wurden aus den 70 Leuten 50.000!

Warum? Crewe wurde im 19. Jahrhundert zum Eisenbahnknotenpunkt. Als nämlich die ersten Eisenbahnen das Land durchquerten, gehörten die einzelnen Eisenbahnstrecken nicht zusammen, sondern jede Strecke gehörte einer anderen Gesellschaft an, die gegeneinander konkurrierten. Wollte man also durch das Land reisen, konnte man nicht einfach irgendwo umsteigen, sondern man fuhr bis zu einer gewissen Station und musste dann zu Pferd die nächste Streckenanbindung der anderen Eisenbahngesellschaft erreichen, die oft Tagesritte entfernt war. Ziemlich umständlich!

Aber durch Crewe änderte sich das Ganze! Es wurde beschlossen, die einzelnen Eisenbahnstrecken dort zusammenzuführen. In Crewe konnte man so einfach zu Fuß von einer Eisenbahngesellschaft zur nächsten wechseln. Deshalb hat Crewes Bahnhof auch die größte Anzahl von Gleisen in ganz Großbritannien! So wuchs das ehemals ländliche Crewe zur Industriestadt heran.

Aber was ist denn jetzt eigentlich diese Crewe Hall?

 

Crewe Hall

Crewe Hall war einmal das Heim der Familie Crewe, nach der die Stadt benannt ist. Von Thomas weiß ich, dass der englische Staat einmal eine so hohe Steuer für die Reichen eingeführt hatte, dass Viele diese gar nicht begleichen konnten, wenn sie nicht ihre Residenzen an den Staat verkauft hätten. So ist es auch der Familie Crewe ergangen.

Thomas erzählte, dass er die heutigen Familienmitglieder der Crewes einmal nach Crewe Hall gebracht und sie wie uns herumgeführt hatte. Das muss ein komisches Gefühl gewesen sein, wenn man darüber nachdenkt, dass in diesen schlossartigen Gemäuern einmal die eigenen Vorfahren aufgewachsen sind.

Heute ist es ein Hotel und ein teures Restaurant. Hier war gerade ein Event in Vorbereitung:

Eigentlich viel zu schade - mir erscheint Crewe Hall wie ein Schloss! Schau dir das Treppenhaus an:

 

Die einzelnen Räume waren erstaunlich:

 

 

Die Familie Crewe hatte auch eine hauseigene Kapelle wie es beim Adel üblich war:

 

Aprospros majestätisch: Thomas' ehemaliges Büro gleicht übrigens dem Empfangsraum eines Königs!

Nach der Besichtigung hat Thomas uns sogar noch zu sich nach Hause auf eine Tasse Tee eingeladen, wo wir seine Frau kennenlernen durften. Die war ziemlich überrascht über den spontanen Besuch, aber wahnsinnig lieb! Die beiden vertraten genau das Bild, was man von den Engländern vor Augen hat: eine überaus große Höflichkeit, Eleganz und gutes Benehmen.

Ich glaube, die beiden waren sehr glücklich, mal von jungem Gemüse umgeben zu sein. Ihre Kinder und Enkel wohnen nämlich nicht gleich um die Ecke - bestimmt sind sie manchmal einsam...

Am Ende des Tages waren wir drei echt überrascht, was sich manchmal so spontan ergibt. Wir hatten mit diesem Ausflug ja mal so gar nicht gerechnet! Und genau das liebe ich so an Reiseabenteuern. Das Unerwartete, die Überraschungen, die Abenteuer, der Kontakt zu Einheimischen. Neue Sichtweisen tun sich auf.

Und siehe da - Jasmin und Sarah sagten mir so: "Die Zeit hier hat mich neugierig darauf gemacht, noch mehr Orte zu entdecken. Ich will noch mehr reisen!" Denn eigentlich sind sie keine Weltenbummler, aber anscheinend hat jetzt auch sie das Reisefieber gepackt.

Fluch und Segen zugleich. Wenn man einmal angesteckt wurde, gibt es kein Entkommen mehr. Jetzt sind sie wohl wie ich auch süchtig nach Reisen. laughing Da sieht man mal, wie ein längerer Auslandsaufenthalt einen Menschen verändern kann. Ich bin ja mal gespannt, was die Zeit in England so für Auswirkungen auf uns und unser weiteres Leben hat und noch haben wird...